Teil 1
Herzliche Grüße aus Mexico nach wunderbarem Seminar mit Sophie und Bert und einer weiteren Woche CUDEC- Erlebnis.
Wie kann eine große Schule, das CUDEC, die Methoden und Erkenntnisse Bert Hellingers zu ihrem Grundprinzip machen? Was ist anders als in deutschen Schulen?
Mit brennendem Interesse an diesen Fragen habe ich mich getraut zu fragen, ob ich nicht einmal gucken könnte, wie die „Systemische Pädagogik Cudec® nach Bert Hellinger“ in der Praxis aussieht, ob ich vielleicht sogar einmal hospitieren dürfte. Wie werden die Einsichten Bert Hellingers an die über 2000 Schüler vermittelt? Wie machen die Lehrer mit? Werden Vorträge gehalten? Wie sind die Eltern eingebunden? Wie geht man mit „schwierigen“ Schülern um?
Mein Fazit nach 5 Tagen: Ich bin überwältigt davon, wie die Einsichten Bert Hellingers nicht gelehrt, sondern gelebt werden. Ich kann nur staunen, was für ein großes Werk hier entstanden ist, das mit seinen Inhalten und Strukturen heute mit Erfolg nach Spanien und in andere lateinamerikanische Länder exportiert wird.
Mir will hier keiner glauben, dass mein altes Gymnasium in NRW mit über 1000 Schülern neben Direktor und Stellvertreter als Personal neben den Lehrern 2 Sekretärinnen und einen Hausmeister hatte. Dass es für die seelischen Probleme der Schüler außer dem Klassen- und Fachlehrer niemanden gab, dass die staatliche Erziehungsberatung oder andere Hilfen 3 Monate Wartezeit haben, dass es Sache der Eltern ist, die Kinder am Nachmittag in Therapien zu bringen oder ihnen von ihnen bezahlten Nachhilfeunterricht zukommen zu lassen.
Hier ist alles ganz anders. Und alle meine Gesprächspartner haben ihren „Hellinger“ nicht nur völlig internalisiert, sondern sind glücklich, dass sich ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen „gracias al Dr. Hellinger“ grundlegend geändert haben. „Entrando en sistémica el desgaste emocional se ataba.“ “Wenn ich die systemische Pädagogik betrete, sinkt der emotionale Verschleiß,” sagt mir eine Chemie-Lehrerin, die beobachtet hat, dass ihre männlichen Schüler die Lust am Chemie-Unterricht verlieren, wenn sie bei einer Scheidung wütend auf ihren Vater sind.
Das ist sicher eine Beobachtung, die Lehrer in Deutschland auch machen können. Doch anders als in Deutschland stehen die Lehrer hier nicht ohnmächtig vor dieser Situation. Es gibt eine Menge Hilfen für das Kind und die Eltern, was eben diese spezielle Pädagogik nach Hellinger ausmacht.
Als Hauptunterschied würde ich folgendes sehen: Im Mittelpunkt des Interesses steht nicht die Wissensvermittlung, sondern die emotionale Entwicklung des Kindes. Das Kind soll sich in seiner Haut und an seinem Platz wohlfühlen. Dazu gibt es viele Hilfen. Und das Erstaunliche ist: Dann klappt auch die Wissensvermittlung automatisch, so dass hier ein hoher Standard im Schulerfolg erreicht wird. Sonst, wenn es „nur“ um glückliche Kinder ginge, wäre es vielleicht eine Oase im Bildungsstress, aber nicht dieser Exportschlager, der diese syst. Pädagogik des Cudec geworden ist.
Und wann fühlt sich ein Kind wohl? Wenn es zu Mama und Papa eine gute Beziehung hat, wenn es bei ihnen Kind sein darf und die Eltern die Eltern sind. Und wann kann ein Kind lernen? “Sólo un corazón agradecido puede aprender”. Angélica Olvera. “Nur ein dankbares Herz kann lernen.“, ist ein Slogan dieser Pädagogik. Dieser Kern der Hellinger-Einsichten, in Deutschland aus einer Haltung der Arroganz gebenüber wichtigen Lebensgesetzen häufig belächelt, ist der Schlüssel zum Erfolg, ob ich ihm zustimme oder nicht. Im Cudec werden die „Ordnungen der Liebe“ Bert Hellingers zum Fundament der Erziehung und Schulbildung.
Dank des unermüdlichen Einsatzes des Ehepaares Alfonso Malpica und Angelica Olvera , ihrer vielen Mitarbeiter und einer großen Zahl ehrenamtlicher Helfer ist ein großartiges Werk entstanden, dessen einzelne Pfeiler ich in den folgenden Beiträgen beschreiben möchte. Ich danke dem Ehepaar Malpica sehr, dass sie mir diese Einblicke gewährt haben, und besonders auch für ihre herzbewegende Gastfreundschaft.
Herzliche Grüße
Maria
Teil 2
Am ersten Tag meines Besuchs im CUDEC wurde ich von Ana Teresa Alvarez de Santos liebevoll an die Hand genommen und zu verschiedenen Gesprächspartnern geleitet, die schon trotz ihrer Arbeitsbelastung am ersten Tag nach den Osterferien informiert waren und mich freundlich erwarteten.
Zuerst der Direktor der Preparatoria, Mtro. Fernando González Ubeda. (Es gibt 3 Schulformen in Mexico: Primaria – 6 Jahre Secundaria- 3 Jahre und Preparatoria oder bachillerato – 3 Jahre.) Er erklärte mir u.a., wie die Schüler von heute eine andere Didaktik und Methodik brauchen, ihnen ist nicht mehr mit dem Durcharbeiten von dicken Büchern geholfen, sie können gleichzeitig mehrere Handys bedienen und sich dort die relevanten Infos schnell herausfiltern, der Lehrstoff muss entsprechend aufgearbeitet und dargeboten werden, was viele intensive Projektplanungen erfordert. Man arbeite daran.
Die nächste Einrichtung: ORIENTACIÓN , was soviel wie Beratung heißt: in Wirklichkeit ist sie eine Vermittlerfunktion zwischen Schule und Elternhaus.
Die junge Leiterin dieser Stufe erklärte mir , wie sich die Orientadores/as mit der ganzen Klasse beschäftigen oder mit einzelnen Schülern. Die Lehrer können Schüler bei Bedarf zu ihnen schicken, ein Schüler kann sich aber auch bei ihnen melden bei jeder Art von Störung in seinem Lernprozess. Die in Psychologie oder Pädagogik voll ausgebildeten Berater können schnell erkennen, welche Störungen einen Ursprung in der Familie haben oder ob der Schüler Rückendeckung beim Lehrer braucht oder ob er in eine Tutorgruppe , von Lehrern geleitet, zum Auffrischen oder bei Krankheit zum Nachholen von Lerninhalten geschickt wird.
Das Besondere an dieser Einrichtung in der Pädagogik nach Hellinger ist der Clou des Ganzen: Ein Jahr lang arbeitet die ganze Klasse an der „Bindung an die Mutter“- El vinculo con la madre. Mit Genogramm, Zeichnungen, Gruppenspielen und Phantasiereisen lernen die Kinder ihren Platz in der Familie kennen, lernen, ihrer Mutter dankbar zu sein, lernen, Grenzen zu akzeptieren, lernen ihren Platz in der Gruppe ,in ihrer Klasse und der ganzen Schule kennen und vor allem, für mich interessant, arbeiten an der wichtigen Beziehung zu ihren Großeltern. Kein Schüler, der nicht die Namen seiner vier Großeltern kennt. Nach einem Jahr der Arbeit an der Beziehung zur Mutter, zu Großeltern, zur Schule kommt im 2. Jahr der Vater in den Blick, zusammen mit der Frage der möglichen Laufbahn, der persönlichen Berufung und Zukunftsperspektive. Beide haben ihre Rolle: die Mutter für das Leben, der Vater für die Welt. Mangelnder Respekt vor Eltern oder Lehrern gehört zu den Störungen in der emotionalen Entwicklung eines Kindes, die massiv angegangen werden.
In der Preparatoria wiederholt sich der gleiche Aufbau, aber da werden zu den Grund-Themen Bindung an die Mutter- Bindung an den Vater auch die Paarbeziehung, die Sexualität, aber auch Nachhaltigkeit und Verantwortung im zukünftigen Beruf und für die Gesellschaft thematisiert.
Die größte Überraschung sollte die nächste Etappe werden, die Asesoría familiar. Sie ist sozusagen die erste Baustelle zur Reparatur der Eltern-Kind-Beziehung: Eltern können diese Stelle von sich aus in Anspruch nehmen, oder sie können von der Orientadora die Empfehlung bekommen, dort vorzusprechen. Übrigens erfahren Lehrer von dem, was zwischen Schülern und Orientadora oder zwischen Eltern und Beraterin besprochen wird, nur das Nötigste, nur das was sie für ihren Umgang mit dem Kind wissen müssen, so bleibt die Privatspäre der Familie geschützt und die Eltern können Vertrauen aufbauen. (Wenn ich in Deutschland mit meinen familiären Problemen zur Schule gehe, muss ich besorgt sein, dass das Kind irgendwann zu spüren kriegt.)
Aslo, ich beginne zu fragen: ich habe gerade an der Schule einer Enkelin mitgekriegt, dass dort in die 4.Klasse Grundschule ein Schüler seit Ende des letzten Schuljahres geht, der fast jeden Tag einmal so „ausflippt“, dass die ganze Klsse, besonders die Jungen, Angst haben. Die Eltern werden beschieden, wenn sie das Problem ansprechen: Wir reden nicht mit Eltern über andere Schüler. Die Verzweiflung des Jungen wird nicht gesehen, auch wird lieber weggeguckt als hingeschaut; was der Junge so anstellt, wird nicht vom Lehrer an die Schulleitung oder an irgendeine Instanz weitergegeben, es schlägt sich nur in der Angst der Mitschüler nieder. Niemand der Eltern weiß, wer der Erziehungsberechtigte ist. Wie würdet ihr hier mit so einem Fall umgehen?
„Na, damit du kennenlerst, wie wir hier arbeiten, kannst du ja einen eigenen Fall präsentieren, und wir behandeln es so wie sonst.“ Einen Moment überlege ich, soll ich dieses Kind vorstellen? Aber ich bin ja schon etwas systemisch geschult: also: habe ich einen Auftrag, habe ich die Erlaubnis seiner Familie? Sicher nicht. Ich kenne ja nicht mal seinen Namen. Blitzschnell schalte ich um: Ich bin hier wegen meiner Enkelin, sie ist leicht unaufmerksam, fühlt sich in der Familie nicht so recht geliebt, wird von der älteren Schwester gemobt.
Schnell wird ein Papier ausgebreitet, ein Genogramm gezeichnet: Wieviele Kinder hast du, an welchem Platz ist deine Tochter? Das Gleiche für ihre Kinder. Sehr schnell sind wir bei der Geburt meiner Tochter: Besonderheiten? Ach ja, da war der Blutsturz 12 Tage nach der Geburt, ich war erst ein paar Tage zu Hause, musste das Kind beim Papa lassen, es durfte das Krankenhaus nicht wieder betreten. Elva Ruiz Montero und Maria Teresa Ortiz stellen sich für mich und meine Enkelin zur Verfügung.
„Ja, dazu machen wir nur eine Bewegung, wir machen hier keine Aufstellungen: Stell du dich dahin, du bist du selbst, ich geh hierher, ich bin deine Tochter.“
Und es lief eine „Übung“ zur „Unterbrochenen Hinbewegung“ ab, die ich hier nicht im einzelnen beschreiben möchte, nur soviel: meine Tochter sank zu Boden und zitterte. Nachdem dieses frühe Trauma in den Armen der Mutter endete, meine Mutter zur Unterstützung in meinem Rücken, gab mir Elva noch eine Erklärung für das Geschehen: „Die Angst deiner Tochter, das war deine Angst, deine Todesangst, die sie gespürt hatte. Und noch eine Empfehlung: Sag ihr , sie soll eine Nacht mit dem Kopf auf deiner Schulter schlafen, und später das gleiche mit ihrer Tochter machen.“
Was für ein tiefes Erlebnis! Muchisimas gracias de todo corazón, Elva y Maria.
Und ohne Planung, nur einfach mal so. Und das dürfen Eltern mal eben so erleben, wenn irgendwas mit den Kindern nicht so klappt. Und für mich hat sich ein weiteres Puzzestück eingefügt, eine weitere „heilende Bewegung“ in dem Familiensystem zu den vielen, die ich schon Bert und Sophie zu verdanken habe.
Und wenn Eltern nach diesem „Hereinschnuppern“ („Esto solo es un movimiento, no hacemos constellación“ ) tiefer sich auf Familienaufstellungen einlassen wollen, es steht ihnen jederzeit die Möglichkeit offen: Im Domus Cudec Extensión Universitaria gibt es jeden Montag bis Donnerstag 16-20h ein Aufstellungsseminar, an dem man umsonst ohne eigene Aufstellung teilnehmen kann. Diese Zentrum bietet eine Brücke zwischem Schul- und Therapiebereich. Die Grenzen zwischen beiden Gebieten werden sorgsam beachtet. Und wenn man dann eine eigene Aufstellung erlebt hat, erst dann zahlt man einen Beitrag.
Aus diesem Kontakt also mit der Asesoría familiar komme ich aufgewühlt und mit einiger Verspätung heraus, in der Zeit hat Ana Teresa, immer das Handy in der Hand, schon umorganisiert und Termine verschoben. Im Büro von der Direktorin der SECUNDARIA , Frau Mtra. Lourdes López Araiza y Castro, warten schon zwei Lehrerinnen, die mir erzählen wollen, wie sich der Ansatz Bert Hellingers im Unterricht auswirkt. In Reichenhall hatte ich schon die Tafel mit der Übersicht über die Elemente für den Chemieunterricht gesehen, darauf wurde auch Bert Hellinger genant, weil nach seinen Einsichten und Lehren jedes Element in einem System seinen festen Platz hat. Und das gilt für die chemischen Elemente wie für Familiensysteme, seien die Elemente bekannt oder noch nicht entdeckt, sie haben ihren Platz. Die Chemie-Lehrerin Rosa Maria Gonzalez Gutierrez erzählt mir, wie sehr sie und die Schüler Entlastung finden von emotionalem Stress, so dass es , privat und beruflich, eine Zeit vor und eine nach Hellinger gebe. Ich verstehe auch, wie entlastend es ist, wenn Schüler nicht ihre Konflikte lange mit sich rumschleppen müssen, sondern Familien z.B. in Stress-Situationen sich sofort an die Hilfen wenden können. Auch die Lehrer können die Aufstellungsgruppen nutzen, um in einem Konflikt mit einem Schüler oder bei Misserfolg eines Schülers sofort zu schauen, um was es wirklich geht. Und das geben sie dann an die Eltern weiter, die meist den Schlüssel in der Hand haben. So brauchen manche Schüler die Erlaubnis der Mutter, dass sie ihren Vater trotz schmerzlicher Trennung von der Mutter noch lieben dürfen.
Eine weitere Überraschung erlebe ich, als eine Schülerin hereintritt,- sie war „herbeizitiert“ worden,- und aufgefordert wird, zu erklären, worin ihre Schwierigkeit in Mathematik bestehe und warum sie nicht zu ihrer Behebung in ihre TUTORIA gegangen sei. Sie schreibt der Direktorin zwei Gleichungen mit 2 Unbekannten auf und wird daraufhin zu einer Stelle geschickt, sich das erklären zu lassen und Übungen abzuholen, die sie dann am nächsten Tag vorbeibringen soll. Mir bleibt ein weiteres Mal vor Staunen der Mund offen, denn ich kannte nur Schüler-Kontakt mit dem Direktor, wenn was ausgefressen worden war, aber nicht zur vorbeugenden Kontrolle von Lernerfolg.
Mein Vormittag ist beendet, ich gehe erschöpft von den vielen Eindrücken und Erlebnissen, aber überglücklich nach Hause.
Am Folgetag erwartet mich mit dem PAF, dem Programa de Apoyo Familiar, dem Programm der Familien-Hilfe, einer Schule für Eltern, das ganz besondere Highlight des großartigen Werkes, das das CUDEC hier nach dem Ansatz Bert Hellingers aufgebaut hat.
Teil 3: das P.A.F.
Maria, die zusammen mit ihrem Mann Mario Bedolla das PAF leitet, empfängt mich freundlich und sprudelt ebenfalls voller Begeisterung. Und das, obwohl sie in der Vorwoche zum Organisationsteam gehörte und von früh bis spät auf den Beinen war. Von ihr erfahre ich, auf welch breiter Basis das Werk steht.
Kernstück ist das PAF (Programma de apoyo familiar) – Programm zur Unterstützung der Familien. Es war ein Glücksfall, dass es dieses PAF schon gab, als Bert nach Mexico kam.
Es war 1986 als Elternschule gegründet worden von Angélica Olvera , um gemeinsam mit anfangs 25 Eltern zu klären: Wie verbinde ich mich mit den Kindern, wenn sie Angst oder Ärger haben? Wie können wir die wirklichen Bedürfnisse der Kinder erfassen? Die Schule wuchs und wuchs, 91 wurde das PAF gegründet, im Jahre 2000 waren es 2000 Eltern.Mit Bert Hellinger und anderen Lehrern aus Deutschland, Argentinien und Spanien veränderten sich die Inhalte, ab damals waren die Einsichten Bert Hellingers, seine „Ordnungen der Liebe“ der Lehrstoff.
Inzwischen haben 1200 Absolventen eine Autobiographie zum Abschluss der zweijährigen Ausbildung verfasst, in der sie Rückblick halten darauf, was sich in ihrem Leben verändert hat. Warum tun sie sich das an? Sie spüren, wie es ihnen guttut, wie mir eine Freundin aus Puebla versicherte: Zuerst sei sie abends heulend nach Haus gefahren, ihr Mann habe ihr gesagt, bleib doch weg, wenn du nur das heulende Elend bist, denn von Angelica seien durchaus direkt Wahrheiten ausgesprochen worden, die erst einmal weh taten. Aber nachdem sie die Abschlussarbet geschafft habe, auch weiter die Psychologie nach Hellinger studiert habe, sei sie eine andere Frau, und ihr Mann bestätigte dies auch strahlend.
Wer die zweijährige Ausbildung im PAF abgeschlossen hat, hat damit das Zugangsrecht in das Studium der Psychologie nach Hellinger, das er dann mit der Lizenziatur abschließen kann, einem überall gültigen Universitätsabschluss. Der Clou an der Sache ist weiterhin, dass das ganze PAF-Angebot kostenlos ist und von Ehrenamtlichen heute durchgeführt wird. Zuerst war es der Bereich von Angélica, dann der ihres Mannes, der im Notfall für sie eingesprungen war, zuletzt wird es von ca 100 Ehrenamtlichen getragen. Und das Angebot richtet sich nicht nur an die Eltern der eigenen Schüler, es geht weit darüber hinaus. Lehrstätten sind alle Schulen des Wohnbereichs, Kirchen, Arztzentren. Exportiert wird es in andere Städte, in Puebla ist es 10, in Guanajuato und Jalisco 3 Jahre alt, jetzt im Juni 2011 beginnt es in Kolumbien.
An dem Abend, an dem ich teilnahm, wurden von 2 ehrenamtlichen Referenten die Erkenntnisse Bert Hellingers zur Paarbeziehung vermittelt zum Thema: die Glaubenssysteme aus den Herkunftsfamilien . Es waren ca 200 Anwesende, einige Helfer, die mit Micro zu den Fragenden eilten. Die Referenten vermittelten die Erkenntnisse locker und mit eigenen Beispielen gespickt, so z.b. wenn der Mann glaubt, ein richtiger Mann trifft sich abends mit Freunden oder Kollegen,das machte Papa schon so, sie dagegen glaubt, ein Mann gehört abends ins Haus zu Frau und Kind, weil das bei ihr so war, schon haben wir einen Kleinkrieg, bis sich beide dieser unterschiedlichen Erwartungen und der mit ihnen verbundenen dicken Loyalitäten gegenüber den Herkunftfamilien bewusst sind und gemeinsame neue Glaubenssätze für ihr Gegenwartssystem finden. Am jeweiligen Lachen mit Kopfnicken habe ich auch da, wo ich nicht alles verstanden habe, merken können, dass viele die Erfahrungen aus der Anfangszeit der Beziehungen kannten und froh waren, dass sie nicht gleich auseinander gelaufen waren, oder auch jetzt merkten, warum die Beziehung zerbrochen war.
Es gab bei Referenten und aus dem Publikum immer wieder Hinweise darauf, dass es eine „Zeit vor Hellinger“ und eine „nach Hellinger“ gab. Auch bekannte Beispiele aus der Hellinger-Literatur wie der Hinweis auf die Rache, die notwendig ist bei einem schweren Verstoß des Partners, „aber ein bisschen weniger“, waren nicht einstudiert, sondern passten zu den beschriebenen Ereignissen. Schön war der Abschluss mit Filmausschnitten aus dem Film „Kramer gegen Kramer“, die das Vorgetragene und Erzählte mit zu Herzen gehenden Szenen illustrierten.
Einen Nachmittag konnte ich mit Frauen verbringen, die sich einmal wöchentlich treffen und gemeinsam lernen. Es war eine muntere Schar, mitten im Leben stehend, zwischen 40-60 Jahre alt und allesamt Studierende am CUDEC, nachdem sie das PAF absolviert hatten. Der nette Mitarbeiter des CUDEC, der mich dort abliefern wollte, hatte zwar Schwierigkeiten, den Weg dorthin zu finden, doch nach diesem Stressmoment war ich den ganzen Nachmittag gut aufgehoben. Zwischen Kaffee , Oliven und Melonenstücken wurde das Entrenamiento der Vorwoche noch einmal beschworen, Rückmeldungen gegeben und die Hausaufgaben für das Studium besprochen. Den Abschluss bildete eine Aufstellung für eine Besucherin, sofort war es ruhig und ein würdiger Rahmen war geschaffen. Warum schreibe ich dies? Ich bin beeindruckt, wie tief Bert Hellinger in die mexikanische Gesellschaft vorgedrungen ist, in ihr Inneres, nicht nur in eine privilegierte Schicht, und wie prägend seine Einsichten für den Alltag von vielen sind. Von der Verbesserung der beruflichen oder Beruf begleitenden Chancen gar nict zu sprechen.
Teil 4
PAF junior
Besonders erfrischend war der Besuch beim Lider des Paf junior, Gustavo Lopez.
Angélica, die Tochter der Chefin, und ihr Mann Fernando haben vor einigen Jahren das PAF junior für die Kinder der Eltern, die am PAF teilnehmen, geschaffen. Mit einem Team von 22 jungen Leuten kümmert man sich um die Schüler in 3 Gruppen, die 6-12-Jährigen der Primaria, die 12-15-Jährigen der Secundaria und die 15-18-Jährigen der Preparatoria. Es gibt für jede Gruppe 3 Veranstaltungen im Jahr, einmal im CUDEC, zweimal im Zeltlager auswärts. In diesen Events werden die „Ordungen der Liebe“ noch einmal spielerisch und mit kreativen Mitteln erfahrbar gemacht. Zum Beispiel wird ein Junge, der seinen Vater nicht kennt, angeleitet: Schau in den Spiegel , worin bist du Mama ähnlich? Augenfarbe, Nase?Haare? Alles, was du nicht von deiner Mama hast, hast du von deinem Papa. Du kannst ihn dir mit diesen Merkmalen vorstellen, bu bist auch dein Papa, er lebt in dir. Oder ein Kind in einer Scheidungssituation kann zwei Seile, mit denen zwei Partner ihn in entgegengesetzte Richtung ziehen wollen, so hange halten, bis er merkt: ich lasse lieber los. Man vermittelt ihm: Geh aus diesem „Seilkampf“ lieber raus, lass Mama und Papa diese Ebene, es ist ihre und du hältst dich raus. Den Kleinen, die sich großspurig verhalten, gibt man Aufgaben, die sie gar nicht bewältigen können, bis sie merken: Das kann ich nicht, weil ich noch zu klein bin. Dafür kann ich was anderes gut. Das Einhalten von Grenzen übt man im Spiel ein, indem man nass wird, wenn man die Grenzen überschreitet.
Von einer anderen Cudec-Schülerin habe ich gehört, dass Angélica-Tochter einen Einstufungs-Test mit Brillen aus Papprand mit Buntpapier- Gläsern entwickelt hat. Je nachdem, welche Farben das Kind wählt, sieht man, ob es unter einer Grundtrauer bei fehlendem Elternteil leidet, und man kann sehen, wie man dem Kind helfen kann. Auch ist Angélica Expertin in der Enneagramm-Arbeit, auch von dort erfahren die Jugendlichen Anregungen, wie sie mit einzelnen Kindern umgehen bzw. welche Erfahrungen dem Kind noch fehlen oder ihm guttun. Mit den Älteren wird über Partnerschaft und Sexualität , Bindungen, das bevorstehende Studium gearbeitet, aber auch immer wieder über die Familie als Quelle der Kraft.
Eine Frau, die nicht im CUDEC, sondern in einer staatlichen Schule für Behinderte arbeitet, hat mir bestätigt, wie hilfreich all das, was sie im CUDEC auch an praktischem Handwerkszeug zu der Haltung in den „Ordnungen der Liebe“ bekommt, im Alltag für sie und wie segensreich für ihre Schüler ist.
Teil 5
Ihre Stärke und ihren Erfolg können all diese Teilbereiche des CUDEC beziehen aus einer Haltung, die die „Beziehung zur Mutter“ als Gradmesser für den Erfolg im Leben, beim Lernen , für die Gesundheit und für das Gelingen von Beziehungen nimmt. „Nur ein dankbares Herz kann lernen“- dieser Slogan ist keine leere Worthülse, niemand, von den Direktoren bis zu den Pförtnern oder Chauffeuren, belächelt oder missachtet diese Grundlage der Arbeit. Die Beziehung zur Mutter als Quintessenz der „neuen“ Einsichten Hellingers wird Chefsache. So konnte ich an einer Besprechung teilnehmen, die die Coordinadora del Grado mit den Klassenlehrern abhielt, um eine Feier zum Abschluss eines Talentwettbewerbes zum Muttertag zu organisieren. Jede Klasse sollte eine Collage mit einem Slogan in der Mitte und individuellem Dankausdruck eines jeden Schülers anfertigen. All diese Collagen mit Sprüchen wie „Ich bin dein Erfolg,Mama“ und die Ergebnisse des Kunst-Wettbewerbs bildeten dann bei der Feier selbst die Begrenzung des Zuschauerraums. Kunst, so erfuhr ich, ist mit der Mutter verbunden, während der Sport die Verbindung zum Vater spiegelt. Die Auftritte in einzelnen Sparten der jugendlichen Pop-Musik boten Schülern Chancen, ihre Fähigkeiten , die nicht vom Lehrplan gefordert werden, in lockerer Atmosphäre unter großem viel Applaus zu präsentieren, ausdrücklich als Dank an die Mütter, ohne die solche „Künstlerkarrieren“ nicht denkbar wären.
Abgerundet wurde mein Einblick in das System CUDEC noch durch die Informationen zum Aufnahmeverfahren der Schüler. Neben einer Eingangsprüfung wird ein „Psicométrico“ erstellt, mit dessen Hilfe festgestellt werden kann, wo sich das Kind in seiner emotionalen Entwicklung befindet und welche Hilfen es noch braucht. Auch werden die Stärken und Defizite in der kognitiven Leistung oder beim Lesen, Rechnen, Schreiben festgehalten, so dass keine Zeit verloren geht, bestehende Schwächen zu bemerken. Die Fachlehrer haben dann in den 5 Wochenstunden Unterricht oder 2 WS Tutorgruppe gesicherte Grundlagen zur individuellen Förderung der einzelnen Schüler. Es wird keine Lernstandskontrolle mit Einstufung in ein Notensystem für alle in der gleichen Weise geben, sondern jeder Schüler wird danach beurteilt, ob er das, was er sich vorgenommen hat, erreicht hat oder nicht. Schüler, die sich erst gar nicht viel vornehmen, werden ermutigt, die Latte etwas höher zu setzen. Gibt es Lernschwierigkeiten, gibt es die genanten Hilfen. Wie im Fall des Schülers, der in Englisch scheiterte, obwohl seine Mutter Englisch-Lehrerin war. In der Aufstellung, die wir in der Seminarwoche nach Vorstellung des Buches zur Systemischen Pädagogik sehen durften, wurde deutlich, dass die Mutter über den Vater verärgert war; erst wenn der Junge die Erlaubnis der Mutter bekommt, seinen Vater lieben zu dürfen, kann auch für Englisch wieder eine neue Chance beginnen.
Auch die Auswahl der Mitarbeiter vom Direktor über die Lehrer und die vielen pädagogischen Kräfte oder Projektleiter für didaktische und methodische Umsetzunges des Lehrstoffs bleibt nicht einem bildungsfernen Gremium überlassen, es gibt sorgsame Verfahren und Tests, denn die Mitarbeiter müssen sich in diesem pädagogischen Neuland auch wohlfühlen. Genug Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten werden ihnen geboten, sie werden auch regelmäßig zur Pflicht gemacht.
Mit dem Gedanken, dass ich irgendwann noch einmal wieder komme mit einer Gruppe Neugieriger, die sich hier Impulse für Reformen in Deutschland holen möchte, fiel mir der Abschied vom CUDEC nicht gar so schwer. Meinen herzlichen Dank an alle, die mir ihre Zeit geschenkt haben. Dank an Angélica und Alfonso Malpica, die mir ihre Gastfreundschaft und sehr sehr kostbare Zeit geschenkt haben.