Plädoyer für eine neue Pädagogik in Deutschland – für eine Wissenschaft ohne Scheuklappen
Als ich im Juni dieses Jahres mit der Bahn nach Bad Reichenhall zur Hellinger-Fortbildung reiste, tauschte ich mit einem netten Sitznachbarn die Reiselektüre aus. Er gab mir sein Journal „Zeit-Wissen“: und ich durfte dort auf einem Wissensgebiet, in dem ich mich gut auskenne, in einem Print-Medium von hohem Rang, den Wissensstand eines deutschen Hochschullehrers mit Erstaunen kennenlernen, der in eben diesem Medium wegen seiner Kompetenz als Kronzeuge gegen Hellinger angetreten ist.
Zitat: »Familienaufstellungen haben den klerikalen Charakter einer Beichte«, sagt Wolfgang Hantel-Quitmann, Professor für Klinische Psychologie und Familienpsychologie an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften: »Ziel ist nicht, Menschen dabei zu helfen, den für sie richtigen Weg selbst herauszufinden, sondern ihnen eine Einsicht in die Lehren Hellingers zu suggerieren und sie von diesen abhängig zu machen. Das ist eine fundamentale Verletzung der Autonomie der Klienten.«[i]
Was bringt einen Professor einer deutschen Hochschule dazu, ein derart vernichtendes Urteil über „Familienaufstellungen“ öffentlich zu fällen? Wer ist dieser Experte, der sich berufen fühlt, „eine fundamentale Verletzung der Autonomie der Klienten“ anzuprangern?
Im Internet finde ich folgende Angaben:
An der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften bietet Wolfgang Hantel-Quitmann eine Weiterbildung „Systemische Paar- und Familienberatung / Systemische Paar- und Familientherapie“ mit Zertifikat der HAW-Hamburg am Zentrum für Praxisentwicklung (ZEPRA) an . “In beiden Kursen „Systemische Familienberatung und Familientherapie“ sollte jede/r TN jeweils eine eigene Familienrekonstruktion erlebt haben. Falls Sie möchten, können Sie sich diese meist mehrstündige Sitzung per Video aufzeichnen. Es hat sich als hilfreich herausgestellt, eine solche Videoaufzeichnung zu haben und behalten zu können, damit das dort Erfahrene nicht wieder dem Vergessen anheim fällt.
Das bedeutsamste Instrument der familientherapeutischen Selbsterfahrung ist die Familienrekonstruktion. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl therapeutischer Wege und Methoden in der Familientherapie, die in der Selbsterfahrung angewandt werden (neben Familienrekonstruktionen sind dies u.a. Skulpturen, Inszenierungen, Genogramm-Analysen, themenzentrierte Arbeitsgruppen, Rollenspiele, kleine Übungen).“[ii]
Meine Frage an diese Ausbildung im Rahmen einer Hochschule lautet nun:
Wo ist wissenschaftlich die Überlegenheit der Methode „ Familienkonstruktionen“ , vermiutlich nach Satir , festgestellt worden? Wie kann man behaupten, sie sei das „bedeutsamste Instrument der familientherapeutischen Selbsterfahrung“ ?
In der Waschmittelwerbung ist es nicht gestattet, die Überlegenheit des eigenen Produkts durch Abwertung des Produkts der Konkurrenz herauszustellen, zur Anerkennung der eigenen Systemischen Beratung und Therapie scheint es in diesem Fall legitim.
Wäre dieser ZEIT-Experte nur ein Einzelfall, brauchte ich mir nicht die Mühe zu machen, mich mit ihm und seiner Kritik an Hellinger auseinanderzusetzen. Jedoch er scheint mir typisch zu sein für eine Haltung im deutschen Wissenschaftbetrieb , die Überheblichkeit mit Ahnungslosigkeit mischt. Vor allem fehlt die Kenntnis dessen, womit sich die Forschung in anderen Ländern beschäftigt, wenn es um alternative Medizin oder Kurzzeittherapien oder wie in diesem Bereich um eine Neue Pädagogik für das 21. Jahrhundert geht. Bei uns werden alte Hüte aufgesetzt, so wie in diesem Beispiel, wenn eine Vorläuferform der Familienaufstellung aus den Sechziger Jahren als die „wirksamste Methode“ verkauft wird.
Im Feld der Systemischen Familienberatung und –Therapie hält sich in Deutschland eine Abgrenzung und Abschottung gegen die weltweit so erfolgreiche Arbeit Hellingers für progressiv und für die einzig wahre wissenschaftliche Haltung, während in der Ausbildung in Systemischer Pädagogik in Spanien beispielsweise neben Hellinger das ganze Spektrum systemischer Theorie vertreten ist, z.B. Maturana, Varela, auch der Systemtheoretiker Luhmann friedlich vereint sind.
Verliert Deutschland auch hier die Führung? Brauchen wir diese Scheuklappen? Verlieren wir den Anschluss an die wirksamste Innovation im Rahmen von Multikultureller Erziehung und Bildung? Können wir uns weiterhin leisten, dass Schulversager auf ein staatlich alimentiertes Leben auf niedrigem Niveau und Ausschluss aus vielen Bereichen der Gesellschaft blicken? Finden wir zeitgemäße Antworten auf die Frage: „Warum lernen so viele Kinder nicht, trotz des Engagements der Lehrer, trotz der Erhöhung der Mittel?“
Verspielen wir vielleicht durch die Arroganz unserer Wissenschaftler die Zukunft von Kindern, die in Gefahr sind, lebenslang ausgegrenzt zu werden?
Das Bildungspaket der Bundesregierung verspricht : Neue Zukunftschancen für 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche.[iii] In meiner Stadt lese ich heute in der Tageszeitung, wie diese Hilfe vor Ort organisiert wird, und mir kommen die Tränen angesichts der Hilflosigkeit beim Verteilen der Mittel ohne zukunftsweisendes Konzept.[iv]
Wie kann man Kindern wirksam helfen?
Die Universidad Autónoma Barcelona, das Cudec/Mexico und das Institut Gestalt/Barcelona
haben in diesem Sommer in einer gemeinsamen Tagung „El gran amor de los maestros por la educación (Die große Liebe der Lehrer zu Unterricht und Erziehung)“[v] die Ergebnisse und Erfahrungen von 12 Instututionen vorgestellt, die erfolgreich mit dieser systemischen Pädagogik arbeiten.[vi] Daraus hat sich ein Aufbaustudiengang entwickelt , an der Universität Barcelona angesiedelt: La Diplomatura de Postgrado en Educación Sistémica y Multidimensional.[vii]
In den nächsten Artikeln möchte ich die Inhalte dieser Pädagogik näher vorstellen, Die Beispiele aus Spanien oder Mexico machen durch die gelungene Integration in den Wissenschaftsbetrieb Mut, auch in Deutschland die Scheuklappen abzulegen. Bert Hellinger selber kann durch die Fülle seiner Publikationen und die öffentliche Demonstration seiner Arbeit überzeugen, auch die Dozenten der Hellingerschule wären für einen Überblick über die „Familienaufstellungen“ kompetentere Gesprächspartner als der oben genannte Hamburger Professor gewesen.[viii]
[i] http://www.zeit.de/zeit-wissen/2011/04/Dossier-Esoterik-Seelenpfuscher/seite-3
[ii] http://www.hantel-quitmann.de/familientherapie/?page_id=24
[iii] http://www.bildungspaket.bmas.de/
[iv] „Ich möchte mit der Schulsozialarbeit in Grundschulen anfangen“, sagte Jugendamtsleiterin NN in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses. An weiterführenden Schulen gibt es in NN bereits Schulsozialarbeiter, an Grundschulen noch nicht. Sie habe überlegt, sagte NN, wie man Kindern aus benachteiligten Familien zu besseren Leistungen in der Bildung verhelfen könne. NN. möchte sich mit Schulsozialarbeitern treffen und gemeinsam überlegen, wie die Hilfe zur Bildung aussehen könnte. In der nächsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses wird sie ein Konzept vorstellen.
NN, Lehrer der NN-Gesamtschule und als sachkundiger Bürger Mitglied des Jugendhilfeausschusses, schlug vor, dass Schulsozialarbeiter in sozial schwache Familien gehen und den Eltern helfen, wie man bestimmte Leistungen beantragt.
[v] [v] http://ice2.uab.cat/ii_jornades_pedagogia_sistemica/presentacio.php?idioma=es
[vi] Centro Bert Hellinger (Argentina) ,Centro Colibrí (León) ,Centro T. Psicomotriz (Zaragoza) ,Clara Ventura (Palma de Mallorca) ,Corporación Marianela Vallejo – Neopsicología (Colombia) ,Domus – CUDEC (México) ,
Institut Gestalt (Barcelona) ,La Montera (Sevilla) ,L’Espígol (Elche) ,Psicoespacio (Bilbao) ,Zentrum (Madrid)
http://ice2.uab.cat/ii_jornades_pedagogia_sistemica/presentacio.php?idioma=es
[vii] http://pagines.uab.cat/educaciosistemica/
[viii] http://www2.hellinger.com/home/seminare/seminar-informationen/dozenten-hellingerschule/



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