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Unsere Grund- und Hauptschule verfügt über ein Lehrschwimmbecken, das etwas in die Jahre gekommen ist und seit etwa einem halben Jahr renoviert wurde. Eben schlage ich die (urlaubs- und streikbedingt) ohnehin recht dünne Zeitung auf und sehe auf der ersten Seite des Lokalteils, dass die Baufirma, die mit den Arbeiten betraut wurde, Insolvenz angemeldet hat. Momentan waren auf der Baustelle gerade Bauferien. Leider werden die Arbeiten so schnell aber wohl nicht wieder aufgenommen, da die Gemeinde als Bauträgerin die noch ausstehenden Arbeiten zunächst neu ausschreiben und der Gemeinderat diese dann neu vergeben muss. Das dürfte zu einer Verzögerung von mindestens mehreren Monaten führen. Schwimmunterricht wird es mit der ersten Klasse, die ich im September bekomme, also erst einmal keinen geben. Schade.

Das Schuljahr ist wieder zu Ende. Die Kinder meiner zweiten Klasse haben ihr Zeugnis erhalten. Überglücklich rannten sie danach aus dem Gebäude, zu Eltern und Geschwistern, voll mit Plänen für 6 lange Wochen Sommerferien. Manche waren vielleicht weniger glücklich. Im zweiten Schuljahr findet die erste, zarte Selektion statt. Welches Kind kann besonders gut rechnen? Welches liest bereits flüssig? Welches kann noch nicht subtrahieren?

Sobald es jedoch um Noten geht und das erste Diktat oder der erste Mathetest anstehen, verändern sich die Kinder. Sie geraten in Stress. Für uns Lehrer ist der Fehler im System dabei umso schwieriger zu behandeln: Egal wo die Talente, Fähigkeiten der einzelnen Kinder liegen, alle müssen zum Zeitpunkt der ersten Tests den Stoff beherrschen. Individuelle Betreuung ist hier fast unmöglich.

Die noch jungen Grundschulkinder spüren die Bürde, die auf ihnen lastet. Denn die Eltern werden mit jedem Schuljahr zunehmend unruhiger. Sie wissen um die Wichtigkeit der Noten. Eine 3 in Mathe kann das Aus für die gymnasiale Empfehlung bedeuten. Unbewusst treiben sie also ihre Kinder an und belasten die Kleinen so noch mehr. Die Schüler haben dann das Gefühl, dass sie nur etwas wert sind, wenn sie Leistung bringen, gute Noten schreiben, keine Fehler machen. Sie haben Angst, von ihren Eltern nicht mehr geliebt zu werden, sollten sie versagen. Als Lehrerin wünschte ich mir, Eltern würden ihr Kind ihr stärken, ermutigen und klar machen, dass Leben mehr bedeutet, als schulischen Erfolg zu haben.

In der heutigen Zeit fühle ich mich als Lehrerin einer zweiten Klasse hier oft hilflos und ausgeliefert. In vielen Gesprächen musste ich “Notentendenzen” (ein Zeugnis mit Noten gibt es erst am Ende der zweiten Klasse) den Eltern erklären und erwachsene Menschen darauf hinweisen, dass der Vergleich mit anderen doch erst er Anfang der Unzufriedenheit ist.

Natürlich ist für die Erziehungsberechtigten diese entscheidende Phase nicht einfach: Sie wollen das Beste für ihr Kind. Mein Weg dazu lautet uneingeschränkte Unterstützung und Motivation, auch im Fall des sogenannten Versagens. Wichtig ist, dass man dem Kind die Zeit dazu gibt, sich schulisch zu entwickeln. Die einen, die zu Hause täglich von Büchern umgeben sind, lernen und lesen sehr viel schneller als Kinder, die aus problematischen Verhältnissen kommen. Sie brauchen Geduld und Zeit, um ihre Versäumnisse aufzuholen und lernen dabei effektiv vielleicht sogar mehr. Eine einzige Note ist hier also gar kein Maßstab und schon gar nicht objektiv.

In meiner Erfahrung kann eine schlechte Note sogar zum genauen Gegenteil führen. Viele Kinder, die mit einer schlechten Note “abgestraft” werden, verlieren doch schnell die Lust daran, Neues zu erlernen. Ebenso vergessen sie, dass es darum geht, ein bestimmtes Gebiet, das ihnen womöglich liegt, zu entdecken und zu erschließen, denken sie doch vorrangig an die Note, die sie im Endergebnis dafür erhalten.

Die Situation wird sich in Zukunft auf jeden Fall verändern. In den neuen Gemeinschaftsschulen, zu der Erweiterte Realschulen und Gesamtschulen zusammengeführt werden, können Schulkinder jede schulische Prüfung ablegen, also auch das Abitur nach 12 Jahren.

Unter Umständen erhöht das die Attraktivität der Schulform “neben dem Gymnasium”. Die Möglichkeit, überall den höchsten Bildungsabschluss erwerben zu können, führt vielleicht dazu, dass sich Haupt-und Realschüler nicht mehr als Schüler zweiter Klasse sehen, da die Perspektive “nach oben” geöffnet wird. Ziele spornen gerade die an, die aufgrund kleiner Schwächen in jungen Jahren den Weg aufs Gymnasium nicht geschafft haben. Das Dilemma der Notengebung in der Grundschule kann so deutlich verringert werden. Gleichzeitig entlastet diese Schulform stressgeplagte Gymnasiasten, wenn sie wissen, dass sie in anderen Schulformen ebenso noch zum Erfolg kommen können.

Mit einer flächendeckenden Einführung von Gemeinschaftsschulen würden Haupt-und Realschulabschluss auch auf Bundesebene besser vergleichbar, was den Schülern bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt verschaffen kann.